Färben im Living History

Die Farbwelt des Mittelalters ist vielfältig und übertrifft bei Weitem die natürlichen Wollfarben (grau, braun, schwarz und weiß). Dies lässt sich sowohl mit archäologischen Funden, als auch durch Bildquellen nachweisen.


Bei archäologischen Quellen ist der Farbnachweis schwierig. Hier muss zunächst zwischen Bodenfund und Mumienfund unterschieden werden. Die in der Regel luftgetrockneten Mumien sind weniger chemischen Einflüssen ausgesetzt, als beispielsweise ein Moorleichenfund. Darüber hinaus ist keine grobe Verunreinigung (Dreck) an Stoff bzw. den Gewebefäden zu finden, welche Farben verdecken bzw. unkenntlich machen. Gerade die chemischen Einflüsse bei Bodenfunden erschweren darüber hinaus die Analyse des gefundenen Materials. Dies liegt vor allem darin begründet, dass auch bei Färbungen chemische Reaktionen stattfinden, welche die Farbe hervorrufen.

In Birka etwa wurden, laut Agnes Geijer blau, grün, gelb und rot gefärbte Stoffe gefunden.



Abbildungen der mittelalterlichen Handschriften zeigen Kleidung in verschiedensten Farbtönen. Diese sind neben ihrer symbolischen Bedeutung auch für die Übersicht der üblichen Farbtöne interessant. So sind hier neben den natürlichen Farbtönen auch blau, rot, purpur, gelb und Mischfarben (grün, braun, orange) erkennbar.

Die symbolische Bedeutung der in Handschriften verwendeten Farben ist religiös, kulturell und hierarchisch zu deuten und gibt unterschiedliche Grundlagen für die Interpretation der verwendeten Farbe. Einig ist man sich jedoch über folgende Punkte:

Blau, purpur und rot sind Farben der höheren Schichten. Bei diesen Farben handelt es sich um einen raren Naturstoff, schwierige Färbevorgänge oder einen zuvor religiös (kulturell) festgelegten Farbton.

Zu den ebenfalls eher höheren Schichten vorbehaltenen Farbtönen sind alle Farben, die aus Doppelfärbungen (orange, grün, violett) zurückgehen.

Grün und orange lassen sich neben den obengenannten Doppelfärbung auch direkt herstellen (wenn auch in anderen Tönen und weniger kräftig). Diese Farbtöne sind, wie gelb und braun, in den mittleren Schichten stark vertreten und dürften aufgrund ihrer leichten Herstellung stark verbreitet gewesen sein.

Braun, schwarz, grau und weiß sind als natürliche Farben (Schafswolle, Flachs, Hanf) von allen Schichten nutzbar. Da sie unbehandelt (ungefärbt) direkt nutzbar sind, können diese Töne vor allem als Farben der niederen Schichten angenommen werden.



Darüber hinaus geben bestimmte Stoffe eigene Färbemöglichkeiten und damit Einschränkungen vor.

Sowohl archäologische Quellen, als auch Bildquellen zeigen auf, dass Untergewänder, die meist aus Leinen oder Hanf gefertigt wurden, ungefärbt getragen wurden. Dies geht wohl auf die schlechtere Färbbarkeit dieser Stoffe zurück, die Farbe nicht so gut aufnehmen, wie beispielsweise Wolle oder Seide.

Gleichzeitig müssen Woll- und Seidenstoffe (in der Regel) für eine Färbung vorbereitet werden. Erst durch die vorherige Beize ist eine saubere und haltbare Färbung möglich. Dies macht Färbungen zusätzlich teurer und aufwändiger.

Auch sind feine, helle Stoffe leichter und kräftiger zu färben, als grobe oder dunklere Tücher. Dies liegt in der Faserstruktur begründet. Ein dünner Faden ohne Verunreinigungen (z.B. Holzstückchen) nimmt den Farbstoff schneller und vollständiger auf, als etwa ein dicker Faden. Auch ist eine Farbe auf hellem Untergrund stets kräftiger, als auf einem gräulicheren.




Des Weiteren bieten sich einige Farben für bestimmte Stoffe an, was wiederum Einfluss auf die Farbbedeutung nimmt.

Bereits für Birka lassen sich die Blaufärbungen für die feineren Tücher nachweisen. Auch im späteren Zeitverlauf ist blau eine Prunkfarbe und den höheren Schichten vorbehalten. Hierdurch bietet sich die Blaufärbung für feinere Tücher an. Da die Blaufärbung darüber hinaus aber auch einen anderen Weg geht, als die „normale“ Färbung, bot sie sich auch bereits im Mittelalter für Leinenfärbung an.

Braun- und Gelbtöne lassen sich aus verschiedenen Pflanzen gewinnen. Hierbei ist die Gelbfärbung über Blätter und Blüten und die Braunfärbung über Rinde üblich. Aufgrund der Masse an Gelb- und Braunfärbern bietet sich diese Farbe auch für Stoffe mit schlechten Aufnahmeeigenschaften an.


Neben den reinen Färbeeigenschaften der einzelnen Töne müssen jedoch auch regionale Bedingungen berücksichtigt werden. So lässt sich für das Baltikum bereits im frühen Mittelalter eine große Nutzung der Waid-Färbung nachweisen. Hier ist somit blau kein besonderer, den oberen Schichten, vorbehaltener Ton. Das Gegenteil gilt wiederum für Purpur, welches aufgrund seiner sehr beschränkten Rohstoffquelle und der Bezugswege (Mittelmeer) im gesamten Europa ein teurer Farbton war.


Hiernach ergibt sich das Bild eines bunten Mittelalters. Wobei Region, Zeit und Stand einen Einfluss auf die übliche Kleidungsfarbe nahmen bzw. auf die heutige Darstellung nehmen.


Weiterführend siehe auch: Das Färben mit Pflanzen


Autor: Hraven
Fotos zum Teil von Jörg Merlin Noak - Fotografik