Stoffe im Living History (grobe Übersicht)

Für das Mittelalter im Allgemeinen wurden hauptsächlich Stoffe aus Wolle, Leinen und Seide genutzt. Aber auch Baumwolltuche oder Stoffe aus Pferde- bzw. Ziegenhaaren konnte gefunden werden.


Die verwendeten Stoffe unterscheiden sich zunächst in ihren Eigenschaften.

Wolle ist wasserabweisend und hält warm. Leinen kühlt und ist widerstandfähig. Seide ist angenehm zu tragen und verbindet Eigenschaften von Leinen und Wolle miteinander.

Darüber hinaus sind die verschiedenen Stoffarten aufgrund Ihrer Verbreitung oder Qualität auch ein Zeichen des sozialen Standes. Während sich Wolle in unterschiedliche Webdichten und Qualitäten unterteilen lässt, welche dann auch Rückschlüsse auf den jeweiligen Stand (oder die Produktionsart) möglich machen, wurde Seide, die extra importiert werden musste, ausschließlich von den höheren Ständen getragen.

Leinen ist in seiner Einordnung etwas komplizierter. Zum einen liegt der Anteil von archäologischen Leinenstoffen im Verhältnis zu Wollstoffen ca. bei 2 zu 8. Sprich, durch die geringe Funddichte ergibt sich ein schlechteres Bild über die genaue Verwendung von Leinenstoffen in den verschiedenen Bevölkerungsdichten. Zum Anderen ist der Anbau von Flachs und damit die Nutzung von Leinenstoffen stärker von der regionalen Beschaffenheit abhängig, als die Aufzucht von Schafen.*) Allgemein lässt sich für Leinen jedoch ab dem hohen Mittelalter eine ähnliche Verbreitung wie bei Wolle erkennen, die Stoffqualität gibt also Auskunft über den Stand.


Die Qualität eines Stoffes lässt sich kurz über folgende Kriterien bestimmen:
Faserlänge/ ~dicke
Fadendicke
Webdichte
Bindungsart

Mit Faserlänge ist die Länge der einzelnen Haare bzw. Flachsfasern (Seidenfäden) gemeint. Je länger diese sind, desto dünner kann ein Faden gesponnen werden, ohne dass die Reißfestigkeit hierunter leidet. Auch nimmt die Faserlänge auf die Weichheit eines Gewebes Einfluss. Wenn die Ursprungsfaser länger ist, sind weniger Enden vorhanden, die sich aus dem Garn lösen können. Dies wiederum entscheidet, wie kratzig ein Stoff ist. Nimmt also Einfluss auch die Trageeigenschaften, aber auch die Filzbarkeit des Materials.

Neben der Länge ist auch die Dicke der Faser entscheidend. Ist die Faser feiner, kann auch das Garn dünner gesponnen werden. Ist sie dicker bzw. grober dann wird das Garn ebenfalls dicker und eventuell weniger geschmeidig.


Die Fadendicke hängt somit mit der Faserlänge zusammen.

Aber auch das Spinnen selbst wirkt sich auf die Fadendicke aus. So kann das Garn (vorausgesetzt die Faser lässt dies zu) sehr dicht und fein gesponnen werden, aber auch sehr locker und damit häufig dicker. Diesen Unterschied sieht man sehr schön an den typischen Webgarnen und Dochtgarn, welches häufig zum Nadeln genutzt wird. Beide sind aus Schurwolle, aber eben verschieden versponnen.

Des Weiteren verändert sich die Dicke des Fadens auch durch das verzwirnen. Sprich, wenn aus einem einsträngigen Garn eines mit zwei oder mehr Strängen innerhalb des Fades wird. Auch dies lässt sich sehr schön an den angesprochenen Garnen nachvollziehen. Die meisten Webgarne sind mehrfädig und sind damit reißfähiger. Das Garn an sich ist hierbei logischerweise dicker, als der einzelne Faden. Bei Dochtwolle haben wir ein typisches einfädiges Garn, welches locker versponnen wurde.


Bei der Webdichte handelt es sich um ein leicht zu erkennendes Kriterium. Sie gibt an, wie viele Fäden pro Zentimeter Stoff verwebt wurden. Daher nimmt die Garnstärke (Dicke) Einfluss auf die Webdichte. Aber auch die Webung an sich, da, wie beim Spinnen, lockerer oder engerer gewebt werden kann. Prinzipiell gilt dünnes Garn, feiner Stoff bzw. dickes Garn grober Stoff.

Darüber hinaus hat aber auch ein locker gewebtes Tuch eine andere Eigenschaft, als ein dicht gewebtes. Hier dient als Beispiel sehr gut ein grobgewebter Wollstoff aus dickerem Garn und Loden. Beides ist eher dick zu nennen. Der grob gewebte Wollstoff hat aber das Problem, dass zwischen den einzelnen Garnsträngen dennoch Luft durchkommt. Er ist nicht dicht. Hierdurch hält er weniger warm und auch seine wasserabweisende Funktion ist beeinträchtigt, da die unter dem Stoff liegende Schicht dennoch feucht wird. Loden hingegen ist sehr dicht gewebt und häufig gewalkt (ähnlich dem Filzen). Hierdurch ist die Struktur sehr fest und weder Luft, noch Feuchtigkeit dringen hindurch (bzw. haben es hierbei sehr schwer).


Die Bindungsart ist ein zweifelhafter Freund, wenn es um Qualität geht. So können feine Stoffe auch in der Leinwandbindung hergestellt werden oder grobe, kratzige in Diamantköper. Allgemein kann man aber festhalten, dass mit der Steigung der Komplexität einer Bindungsart auch eine höhere Qualität der Stoffe an sich folgt. Hierbei sollte aber auch darauf geachtet werden, dass bestimmte Bindungsarten häufig mit bestimmten Materialien einhergehen. Das bekannteste Beispiel ist sicherlich die Leinwandbindung, welche hauptsächlich für Leinenstoffe genutzt wurde. Oder auch die Atlasbindung, die wiederum häufig für Seidenstoffe Verwendung fand. Für das Mittelalter sind Leinwandbindung, Köperbindungen und Altasbindung bereits nachgewiesen und können damit genutzt werden.


Zusammenfassend lässt sich somit festhalten, dass bei der Auswahl eines Stoffes sowohl der Aspekt der Nutzung und als auch der soziale Status der eigenen Darstellung beachtet werden sollte. Hierbei helfen Materialkenntnis und eine grobe Übersicht der Stoffqualität weiter. Sowohl die oben genannten Eigenschaften (wasserabweisend, kühlend, wärmend), als auch die Fadenstärke und Bindungsart geben Auskunft über die Verwendung eines Stoffes bzw. den Stand in der Gesellschaft. So ist ein Seidenkleid für eine Magd, die am Feuer steht und kocht eher ungeeignet, während ein grober, locker gewebter Wollstoff nicht zur hochadligen Dame passt. Eine Leinengugel schützt nicht so gut vor Regen, wie eine aus Loden, dafür ist ein Leinenkleid im Sommer angenehmer zu tragen, als ein dickes Wollkleid.



Author: Hraven

*) Für den Flachsanbau benötigt es bestimmte Kriterien, wie Bodenqualität und klimatische Bedingungen. Hierdurch gibt es Gebiete innerhalb Europas, die hierfür gut geeignet sind, Brandenburg, Flandern. Darüber hinaus nimmt der Anbau von Flachs Platz ein. Wenn wenig Ackerland vorhanden ist, wurde dieser zunächst für den Anbau von Lebensmitteln genutzt und erst in zweiter Linie für Flachs.

Schafe hingegen sind etwas anspruchsloser. Sie können auf kargen Wiesen weiden, die sich als Ackerland nicht eignen oder in der kurzen „Erhohlungsphase“ eines Ackerbodens auf diesem gehalten werden. Darüber hinaus haben Schafe einen wiederholten Nutzen (sie können jährlich geschoren werden) und bieten neben der Wolle auch Milch und Fleisch.
Hierdurch ist die Haltung von Schafen auch bei schlechten Anbaubedingungen „profitabel“ und ist im Mittelalter stärker vertreten als der Flachsanbau.